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MARKUS RUF  markus.ruf@r-u-f.life

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UNTER UNS
Alltagsgeschichten
 
DISCOUNTER

Jetzt ist die Reihe an Martha. Langsam und bedächtig stellt sie ihren Einkaufskorb auf den Winkel und beginnt ihre Einkäufe auf das Förderband zu legen. Jeden einzelnen betrachtet sie nochmals, als ob sie ihren Kaufentscheid nochmals überlegen und bestätigen müsste. Bei den Kambly-Guetzli zögert sie. Ja? Nein? Das ganze Leben, und das sind doch schon einige Jahre, brauchte sie sich einen Ruck zu geben, um sich unnötige Einkäufe zu tätigen. Ihre spartanische Lebensweise liess ihr keinen Raum für Genüsse und Bequemlichkeiten den Lebens. Sie ist es sich nicht anders gewohnt, sparsam umzugehen, seien es Lebensmittel, Genüsse oder Geld. Die Kassierin streckt die rechte Hand hin. 32 Franken 40, bitte. Martha muss ihr Portemonnaie zuerst suchen. Meistens versteckt sie es in der linken Innentasche, jene mit dem Reissverschluss. So kann es ihr am wenigsten abhanden kommen. Doch es ist nicht dort. Sie stutzt. Manchmal legt sie es auch einfach ins grosse Mittelfach, wenn die Menschen hinter ihr drängen. Dort muss es doch sein, denkt sie und legt den Schirm, 20Minuten und einen Plastiksack auf das Förderband. So wird die Sicht besser. Und tatsächlich hier ist es. Sie ist unheimlich erleichtert. Ihr Portemonnaie, das die schon über fünfzehn Jahre tagtäglich begleitet. Sie weiss es so genau, weil sie es zum sechzigsten Geburtstag von ihrem Grosskind erhalten hat. Und sie liebt es so, weil es ihren halben Lebensweg nachzeichnet. 32 Franken 40, bitte, wiederholt die Kassiererin. Die zwanziger Note ist schnell bereit. Münze um Münze nimmt sie mit Zeigefinger und Daumen aus dem Portemonnaie. 30 Franken liegen bereit. Der jüngere Herr hinter ihr verdreht die Augen. Mein Gott, scheint er zu denken. Kann sich die alte Dame nicht besser vorbereiten. Bei 31 Franken 20 Rappen hört ihr Münz auf. Kein Rappen bleibt übrig. Ein Franken und 20 Rappen fehlen. Sie schüttelt den Kopf und meint nur. Reicht nicht. Nein, reicht nicht, bestätigt die Kassierin. Wollen Sie etwas zurücklegen? Die Kambly-Guetzli? Das würde 3 Franken und zwanzig Rappen weniger machen! Martha überlegt. Es sind genau die Guetzli, die ihr Budget übersteigen. Sie schüttelt den Kopf, nein. Langsam wischt sie das Geld in das Portemonnaie zurück, steckt die 20 Franken-Noten ins Fach zurück und reicht der Verkäuferin ihre Master Card Gold.

UNTER DRUCK

Unruhig wälzt sich Leo im Bett. Verdammt, das geht nun Monate schon so. Immer wenn er aufwacht, kann er nicht mehr einschlafen. Alles dreht sich im Kopf. Ich muss morgen arbeiten und darum kann ich mir nicht leisten, die ganze Nacht wach zu liegen. Das Werbekonzept ist auch noch nicht fertig und der Kunde droht mit Kündigung. Und Hugentobler pocht auch auf sein Geld. Er hat schon mit Betreibung gedroht. Leo versucht sich dem Atem seiner Frau anzupassen. Auf, ab, auf, ab, nur ganz ruhig und etwas Schönes denken. Genau das darf er ja nicht. Soeben hat er mit Françine Schluss gemacht und sie droht ihm, alles auffliegen zu lassen. Dann wäre er am Ende. Seine Frau Susanne würde auf der Stelle gehen und mit ihr das ganze Erbe. Und das ist das Einzige, das ihn und seine finanzielle Situation noch retten könnte. Also nur ganz ruhig. Auf, ab, auf, ab... Wenn nur diese verfluchte Sache nicht wäre. Was hat er sich nur gedacht, als er das Geld auf sein Konto abzweigte? Nur ruhig, einatmen, ausatmen, einatmen. Schon wieder eine halbe Stunde später. Die Kirchenglocke schlägt drei Uhr. Morgen werde ich alles regeln. Das Konzept abgeben, mit Hugentobler reden, seiner Frau die Wahrheit sagen und seinem Chef klaren Wein einschenken. Morgen, ja morgen, will er es tun ... und schläft ein. Am Morgen steigt er aus dem Bett und sitzt nach der Horrornacht am Frühstückstisch. Ja, morgen will er es tun. 

 
 
UNTERKUNFT

Ein bisschen traurig war Matteo schon, als sich Sophie am Montag von ihm verabschiedete. Fünf Tage London mit einem vollen Terminkalender waren für seine geschäftstüchtige Frau angesagt. Der Kühlschrank war gefüllt, die Wohnung in blitzblankem Zustand. Alles da für den haushaltgewohnten Matteo. Dienstag. Satt und erschöpft stellt er spätabends den Spaghetti-Teller in den Spültrog. Das mach ich dann morgen, denkt er sich. Mittwoch. Nach dem Jogging wirft Matteo die verschwitzten Sportsachen auf den Badezimmerboden, wie immer. Das Glas vom gestrigen Schlummertrunk steht noch auf dem Salontischchen, wie immer. Das mach ich dann morgen. Donnerstag. Die Zeitungen stapeln sich. Das mach ich dann morgen. Die verschmutzten Kleider verstreuen sich in der ganzen Wohnung. Das mach ich dann morgen. Die WC-Rollen sind aufgebraucht. Das mach ich dann morgen. Freitag. Der Abfallsack überquillt. Das mach ich dann morgen. Auf dem Tisch stapeln sich Briefe, Zeitungen und Bücher kreuz und quer. Das mach ich dann morgen. Samstag. Das Bett ist zerknittert. Matteo vergisst Zeit und Tun. Erschöpft betritt Sophie nachmittags die Wohnung und ist schockiert. So kennt sie doch ihren Matteo gar nicht, der sich ihr gegenüber immer so spiessig und pingelig gibt. Sie legt ihm einen grossen Zettel auf den Tisch. «Ich komme morgen wieder ;-) Gruss Sophie.»

UNTERFANGEN

Seit 11 Minuten wartet Hermann auf sein 11er Tram. Und wartet. Und wartet. Also ob ihn jemand reizen müsste, fahren zuerst der 5er, der 4er und der 15er. Nur der 11er kommt nicht. Und Hermann wartet, schaut genervt auf die Uhr. Nichts verkürzt ihm die Wartezeit. Nichts, bis aus dem Nichts eine hübsche, junge Dame daherkommt. Vielleicht dreissig oder vielleicht eher fünfunddreissig? Schön und tolle Figur, wie dem Traumland entsprungen. Und Hermann glotzt und glotzt und sein Hirn beginnt, die tollsten Phantasien zu produzieren. Die Gedanken purzeln nur so an ihm herab. Eine Städtereise mit ihr würde er nicht ausschlagen. Zum Beispiel nach Paris. Das würde sein Leben aufmischen. Dort würde er gerne wieder einmal hingehen. Das letzte Mal war er mit Rosie auf der Hochzeitreise dort, aber eben, das war vor Jahren. Paris! Das würde seinen Genen neue Impulse schaffen und seinen alternden Gefühlen den Frühling vortäuschen. So gemeinsam zu zweit an der Champs Elysees einen Kaffee trinken, den Passanten zuschauen, die Frühlingsluft geniessen und sich auf die kommende Nacht freuen. Hat er etwas verpasst im Leben? Sein Verstand ist wie ausgeschaltet, sein Blick starr auf die Hübsche gerichtet ... als das lang erwartete 11er-Tram die Türen schliesst und abfährt.